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Rechtschreibung richtig lernen – mehr als „nur“ eine Methode
5. Oktober 2018 0 Kommentare

Eine Vergleichstudie, die mit rund 3.000 Grundschulkindern in Nordrhein-Westfalen verschiedene Methoden für den Erwerb der Rechtschreibung untersuchte, wird momentan viel diskutiert.

Der Bonner Wissenschaftler Tobias Kuhl betont dabei den „wertfreien“ Methodenvergleich. Das Ergebnis ist jedoch eindeutig: Am Ende der vierten Klasse machten die „Lesen durch Schreiben“-Schüler im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler, „Rechtschreibwerkstatt“-Schüler sogar mehr als doppelt so viele, wie die sogenannten „Fibelkinder“.

Wie Una Röhr-Sendlmeier vom Institut für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie berichtet, hatten die nach der Fibelmethode lernende Kinder mit Abstand die besten Rechtschreibkenntnisse. Das Ergebnis stammt von einem Psychologenteam, das über mehrere Jahre hinweg die Rechtschreibkenntnisse von Grundschulkindern in NRW verglichen, die nach den folgenden drei verschiedenen Methoden Lesen und Schreiben lernten:

 

Bei der Fibelmethode“ werden Buchstaben und Wörter schrittweise und nach festen Vorgaben eingeführt. Regeln und Prinzipien kann man damit einüben lassen und die Kinder zugleich mit positivem Feedback ermutigen.

 

Bei der „Rechtschreibwerkstatt“ bekommen Kinder Materialen zur Verfügung, die sie selbstständig und in ihrer ganz eigenen Reihenfolge abarbeiten müssen und zwar ohne zeitliche Vorgabe. Das eigenständig Lesen und Schreiben lernen steht damit im Fokus.

 

Bei der Methode „Lesen durch Schreiben“ (vgl. „Schreiben nach Gehör“), dürfen die Kinder von der ersten Klasse an alles so schreiben, wie sie es akustisch verstanden haben. Das kann dann bis zur dritten Klasse so gehen. Fehler werden nicht korrigiert, um Frust der Kinder zu vermeiden. Diese Methode ist inzwischen massiv in die Kritik geraten, nachdem sie einst die „Fibelmethode“ an vielen Schulen abgelöst hatte. Viele Lehrer an weiterführenden Schulen klagten vermehrt über die mangelhaften Rechtschreibkenntnisse der Kinder. Daraufhin wurde die „Lesen durch Schreiben“ Methode an vielen Schulen, unter anderem in Hamburg und Baden-Württemberg, abgeschafft.

 

Der Bildungsverband VBE zeigte sich jedoch hinsichtlich der neuen Ergebnisse skeptisch. Grundsätzlich sei es „nicht zielführend“, die Rechtschreibfähigkeit als einzelnen Aspekt losgelöst von allen anderen Lernprozessen zu untersuchen. Der Vorsitzende Udo Beckmann meint: „Eine einseitig festgelegte Rückkehr zum Unterricht mit der Fibel ist keine Lösung.“

 

Die Lernvoraussetzung macht es!

Anders sieht es nämlich aus, wenn man sich auf Studien konzentriert, in denen ausgeschlossen war, dass die Ergebnisse durch unterschiedliche Lernvoraussetzungen der Kinder beeinflusst waren. Wenn man sich also auf diese Studien beschränkt, dann gibt es keine signifikanten Unterschiede zwischen ‚Lesen durch Schreiben‘- und ‚Fibel-Klassen‘ im Rechtschreiben in Klassenstufe zwei bis vier.

Beim Lesen ist bekannt, dass gute Leser außerhalb der Schule viel mehr lesen, als schwache Leser. So was kann nicht ausgeglichen werden dadurch, dass ein paar Arbeitsblätter mehr in der Schule gemacht werden, sondern die schwachen Leser brauchen außerhalb der Schule eine Förderung, die sie stärkt und motiviert, das Lesen zu lernen. Eine Lerntherapie kann hier hilfreich sein.

Ähnliches gilt für das Schreiben: Kinder könnten durch gezielte Übungen lernen, wie sie eigene Texte möglichst fehlerfrei schreiben und auch hier kann durch lerntherapeutische Unterstützung geholfen werden.

Kinder mit einer Lese-Rechtschreibschwäche bringen also Lernvoraussetzungen mit, die nicht mit der Methode „Schreiben nach Gehör“ in Einklang gebracht werden können. Eher im Gegenteil. Diese Methode kann die Symptome einer LRS noch manifestieren.

Es sind somit noch andere Faktoren als nur eine bestimmte Methode, die zum Ziel zu führen. Daraus kann natürlich nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass jede Methode gleich gut ist.

Lehrer sollten in der Lehrerausbildung lernen, für welche spezifischen Probleme, welche Methoden besonders hilfreich sein können. Es geht nicht darum, eine Methode durch eine andere zu ersetzen oder zu bevorzugen, sondern in der Lehrer Aus- und Fortbildung das Repertoire der Lehrer so zu erweitern, dass sie den Hintergrund der einzelnen Methoden kennen und die spezifischen Stärken, aber auch Risiken dieser Methoden klar sind, so dass sie dann im Unterricht sehr viel gezielter auf die Probleme einzelner Kinder eingehen können.


Foto: Pixabay

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