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LRS oder Legasthenie: vom Begriff zur Symptomatik
20. März 2015 0 Kommentare

Von einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) oder Legasthenie wird gesprochen, wenn ein Kind das Lesen oder Schreiben in der dafür vorgesehenen Zeit nicht oder nur sehr unzureichend erlernt hat. Oft ist in diesem Fall auch das allgemeine Verhalten auffällig: Resignation, Aggressivität, Schulangst u.Ä.
LRS ist eine Teilleistungsstörung, die außerhalb der allgemeinen Leistungsfähigkeit isoliert Auswirkungen auf den Erwerb der Lese- und Rechtschreibfertigkeiten hat. Die Intelligenz der betroffenen Kinder ist dabei normal bis überdurchschnittlich, während die Lese-Rechtschreibfertigkeit (weit) unter dem Durchschnitt liegt.
Die LRS ist nach dem internationalen Klassifikationsschema ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine anerkannte Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten (F 81.0 bzw. F 81.1), die einer qualifizierten Therapie bedarf, welche sich anderer Konzepte und Methoden als die, die in der Schule üblich sind, bedient. Mit herkömmlicher Nachhilfe und vermehrten Rechtschreibübungen ist es nicht getan. Im Gegenteil, dadurch entsteht oft mehr Schaden als Nutzen; denn auf diese Weise werden den betroffenen Kindern vielfach Lese- und Rechtschreibstrategien vermittelt, die ihren Lernprozess eher behindern statt fördern. Wenn keine spezifische, der Störung angemessene Behandlung erfolgt, erleben die Kinder trotz großer Anstrengungsbereitschaft nur kurzfristige Erfolge und verlieren mit der Zeit Selbstvertrauen und Lernmotivation. Heute weiß man, dass dieses Problem in bestimmten Familien gehäuft auftritt, so dass von einer genetischen Disposition ausgegangen werden kann. Die Auftretenshäufigkeiten in der BRD, Großbritannien und Amerika werden wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge auf ca. 5-10 % der Gesamtpopulation eingeschätzt und erklären zum Teil den nicht seltenen (funktionalen) Analphabetismus im Erwachsenenalter.

 

Zur Kennzeichnung von besonderen Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreiben lernen haben sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Fachdisziplinen unterschiedliche Begriffe etabliert, die nebeneinander Verwendung finden. Welcher Begriff favorisiert wird, scheint allerdings weniger eine Frage des diagnostizierten Störungsbildes als vielmehr eine solche der Fachdisziplin zu sein, der sich der Diagnostiker zurechnet.
Der Begriff Legasthenie (Griechisch: leg =lesen, asthenia=Schwäche) wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von dem ungarisch-österreichischen Neurologen Ranschburg geprägt. Etwa zeitgleich setzte sich international die Bezeichnung Dyslexie zur Kennzeichnung von unerwarteten Schwierigkeiten beim Erwerb des Lesens und Schreibens durch. Im deutschsprachigen Raum etablierte sich daneben der Begriff der Lese-Rechtschreib-Schwäche sowie das Kürzel LRS. Mit der Revision der so genannten LRS-Erlasse in den 90er-Jahren wurde die Terminologie aus den Texten der Kultusbehörden verbannt und durch den Begriff Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten/Lese-Rechtschreib-Schwäche ersetzt. Das Kürzel LRS steht hier jetzt nur noch für diesen Begriff.
Die neue Terminologie ist gut begründet. Die Verwendung des Legastheniebegriffs weckte nämlich bei medizinischen Laien häufig unerwünschte und falsche Assoziationen und trug dadurch zu einer unnötigen Stigmatisierung der Betroffenen bei. Außerdem konnte bislang kein überzeugendes und konsensfähiges Kriterium gefunden werden, das zu einer sinnvollen Unterscheidung verschiedener Untergruppen von Personen mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten geführt hätte.
Wir verwenden deshalb die Bezeichnungen LRS, Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie zur Kennzeichnung von Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreiben lernen nebeneinander, ohne damit Unterschiede in den jeweiligen Störungsbildern andeuten zu wollen.

Eine nicht behandelte LRS kann durchaus langfristige Folgen wie Schulabbruch oder begleitende psychische Probleme (wie Depressionen, Aggressivität etc) nach sich ziehen. Diese Erkenntnisse legen dringend einen rechtzeitigen Handlungsbedarf nahe, welchem auch durch Finanzierung einer Therapie durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz § 35a über das Jugendamt unter der Prämisse Eingliederungshilfe bei drohender oder bereits bestehender seelischer Behinderung Rechnung getragen werden sollte. Die Erlasse der Kultusministerien – bezugnehmend auf den Beschluss der Kultusministerkonferenz aus 2003 – sehen wieder verstärkt vor, auch das Problem der Lese-Rechtschreibstörung im Rahmen des schulischen Unterrichts oder Förderunterrichts zu bewältigen, obwohl die notwendigen Bedingungen und Qualifikationen nicht immer gegeben sind. Wirklich hilfreich ist eine Lerntherapie, die individuell auf die Symptomatik des betroffenen Kindes eingehen kann.

Mögliche LRS Symptome

Lesen:
Häufige Fehler beim lauten Lesen
Zahlreiche Selbstkorrekturen
Langsames bzw. mühsames Erlesen von Wörtern
Silbenweises Lesen von Wörtern
Wortweises Lesen von Sätzen und Texten
Probleme bei der Verschmelzung von Einzellauten zu Lautfolgen
Verlieren der Zeile im Text
Probleme bei der Sinnentnahmepen-642891_1280

Schreiben:
Häufige Fehler beim Abschreiben
Zahlreiche Fehler in Diktaten oder Aufsätzen
Verwechslung visuell ähnlicher Buchstaben (z.B.: „dlau” statt „blau”)
Verwechslung von Buchstaben, die ähnliche Laute repräsentieren (z.B.: „krün” statt „grün”)
Auslassung von Buchstaben, so dass sich die Klanggestalt des Wortes ändert (z.B.: „Apfe” statt „Apfel”)
Auslassung von ganzen Wörtern und längeren Wortteilen (z.B.: „Fernseh” statt „Fernsehzeitung”)
Vertauschung der Buchstabenreihenfolge (z.B.: „Fabirk” statt „Fabrik”)
Häufige Fehler aufgrund der Nichtbeachtung bestimmter Rechtschreibregeln (z.B.: „Bager” statt „Bagger”)
Schreibhemmung

Gesprochene Sprache:
Verwaschene Artikulation
Stockendes Sprechen
Wortschatzarmut
Wortfindungsstörungen
Häufige Bildung von grammatisch bzw. syntaktisch inkorrekten Ausdrücken

Merkfähigkeit:
Geringe auditive Merkfähigkeit (z.B. beim Vokabel lernen)
Geringe visuelle Merkfähigkeit (z.B. beim Einprägen von neuen Wortbildern)

Motorik:
Allgemeine Ungeschicklichkeit
Verkrampfte Schreibhaltung
Undeutliches Schriftbild
Langsames Schreiben

Verhaltensauffälligkeiten:
Reduziertes Selbstwertgefühl
Schulangst
Aggressivität
Clownerie
Hyperaktivität
Konzentrationsschwäche
Andere psychosomatische Störungen

 

Sie vermuten bei Ihrem Kind eine LRS? Dann sprechen Sie uns an – wir beraten Sie gern!

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Oder möchten Sie sich im Bereich LRS fortbilden? Dann schauen Sie sich doch mal unseren Workshop oder unsere Lerntherapie Ausbildung an. Für Fragen stehen wir gern zur Verfügung!

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