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Lernverhalten: Ein Überblick
11. Oktober 2015 0 Kommentare

Lernen, Lernverhalten, Lernpsychologie und Lerntherapie

Das Lernen – sowohl in schulischer, vorschulischer und beruflicher Bildung als auch im Alltagsler­nen – lässt sich durch universelle, funktionsbezogene Modelle der Allgemeinen Psychologie und der Lernpsychologie darstellen. Auf diesen Modellen basieren zahlreiche verhal­tensmodulierende Verfahren, die sowohl in der klinischen (kognitiven) Verhaltenstherapie als auch in der Pädagogik allgemeine Verbreitung erfahren haben. Lernen bezieht sich hier also auf den Aufbau von (schuli­schem) Lernverhalten wie auch auf das Erlernen von alltäglichen individuellen Verhaltensweisen.
Großen Einfluss üben hierbei bis heute insbesondere die Erkenntnisse von Ivan Pawlow (klassi­sches Konditionieren), Burrhus Skinner (operantes Konditionieren) und Albert Bandura (so­zial kognitive Lerntheorie) aus. Aber auch Namen wie Edward Thorndike (instrumentelles Kondi­tionieren), Orval Mowrer (Zwei-Faktoren-Theorie der Angst), Martin Seligman (biological prepa­redness) oder David Premack (Premack-Prinzip) sind einer breiten Leserschaft bekannt. Sie alle leisteten wegweisende Arbeit für unser heutiges Verständnis zum Aufbau und zur Veränderung von Verhal­ten – sei es mit Bezug auf Sozial- und Lernverhalten im schulischen Kontext oder etwa auf die Ent­stehung, Aufrechterhaltung und Überwindung von Phobien.

 

Für Menschen stellt es ein natürliches Verhalten dar, auf schmerzauslösende Reize mit Furcht und Vermeidungsverhalten zu reagieren. Verbrennt sich etwa ein Kind an einer Herdplatte, so reicht ein einziger Lerndurchgang – das schmerzhafte Erlebnis – aus, um ein überaus stabiles Verhalten aufzubauen: Das Kind wird kein zweites Mal eine heiße Herdplatte anfassen. Dieses Ver­halten erweist sich sinnvollerweise als extrem löschungsresistent. Ähnlich verhält es sich bei be­stimmten angstauslösenden Reizen (Spinnen, Schlangen, Dunkelheit, Abgründe), die sehr schnell mit anderen, evolutionsbezogen weniger bedeutsamen Reizen konditioniert werden können (biologi­cal preparedness). Orval Mowrer ist es zu verdan­ken, dass wir heute wissen, dass ein auf Erfahrun­gen gründendes Vermeidungsverhalten nicht etwa schicksalhaft und unveränderlich fortbestehen muss, sondern vielmehr wieder umgelernt werden kann. Auch im schulischen Kontext können Ver­meidungsverhalten und mangelnde Motivation als erlerntes Verhalten betrachtet werden. Frustrati­onserlebnisse (etwa selbstwertmindernde Erfahrungen des Bloßgestelltseins) und wiederholte Miss­erfolgserlebnisse (Schulversagen trotz Anstrengung) führen zu der Überzeugung, durch Ausdauer, Fleiß und Konzentration keine ange­strebte Wirkung erzielen zu können (‚ich schaff das ja sowieso nicht‘).

 

Den womöglich größten Einfluss auf unser heutiges Verständnis von Lernverhalten haben die Arbeiten von Skinner zur operanten Konditionierung. Skinner wies nach, dass sich die Auftre­tenswahrscheinlichkeit eines erwünschten Verhaltens durch die dem Verhalten folgende Konse­quenz regulieren lässt. Im Zusammenspiel mit der Arbeit Mowrers entsteht so das noch immer gül­tige Konzept der positiven und negativen Verstärkung. Eine Belohnung für ein erwünschtes Verhal­ten stellt eine positive Verstärkung dar. Skinner formte durch Verstärkung (Reinforcement) Schritt für Schritt Verhalten etwa bei Tauben: Zeigten sie Ansätze des erwünschten Verhaltens, wurde die­ses Verhalten jedes Mal und sofort verstärkt, indem ihnen per Knopfdruck über eine Apparatur ein Futterpellet ausgegeben wurde. So wurde das erwünschte Zielverhalten schrittweise aufgebaut (Shaping). Dieses Vorgehen lässt sich recht einfach ebenfalls beim Menschen anwenden. Mowrers Arbeit lieferte den entscheidenden Anstoß zum Verständnis, dass zum Verhaltensaufbau nicht nur Belohnung (positive Verstärkung) sondern auch die Wegnahme ei­nes als negativ empfun­denen Reizes (negative Verstärkung) benutzt werden kann.
Als wesentlich erweist sich hier der Zusammenhang (Kontingenz) zwischen Reiz und Reaktion bzw. Verhalten und Konsequenz. Der Aufbau eines er­wünschten Verhaltens gelingt umso eher, je verlässlicher die Konsequenz erfolgt: Bei jedem Auftre­ten des Verhaltens erfolgt immer dieselbe spezifische Konsquenz (kontinuierliche Verstärkung). Dies kann etwa eine Belohnung für erfolg­tes Lernen sein (auschließliche Belohnung für gute Noten erweist sich als ungeeignet, da der Erhalt einer guten oder sehr guten Note auch durch Strebsamkeit nicht ausreichend sicher kontrolliert wer­den kann).
Durch das behutsame Erzeugen von Frustrationserlebnissen durch gezieltes Aussetzen einer zuvor kontinuierlich gegebenen Belohnung nach Intervall oder Quote (nicht-kontinuierliche bzw. intermittierende Verstärkung) kann langfristig lö­schungsresistentes Verhalten aufgebaut werden. Dies kann sich auf das Ausbleiben von Erfolgserlebnissen durch Anheben der Aufgabenschwierigkeit (vom Therapeuten gezielt herbeigeführter Misserfolg) oder etwa das Aussetzen materieller Verstärker (etwa Süßigkeiten) beziehen. Eine zeitlich möglichst ohne Verzögerung (Kontiguität) auftre­tende Kon­sequenz unterstützt den Lernvorgang.pencil-867168_640

 

Unter Kontingenzmanagement ver­steht man schließlich den gezielten Einsatz dieser ope­ranter Techniken zur Verhaltensregulation unter natürli­chen Bedin­gungen (etwa Schulunterricht) bei kongruenter Mitwirkung sämtlicher Bezugspersonen.
Wird ein häufig gezeigtes Verhalten als Verstärker für ein aufzubauendes erwünschtes Ver­halten eingesetzt (Premack-Prinzip), so können unterschiedliche Verhaltensweise miteinander ver­kettet werden (Chaining). So können etwa geistig behinderte Menschen Handlungssequenzen erler­nen, wenn das Decken des Tisches durch das Einnehmen einer Mahlzeit verstärkt, und das Aufde­cken des Tisches wiederum mit einer weiteren sinnvoll vorangehenden Tätigkeit verbunden wird. Unmittelbare verbale Anweisungen (Prompting) können unterstützend angewendet werden.

 

Die bisher dargestellten Ursache-Wirkungsprinzipien aus Reiz und Reaktion oder Konse­quenz ge­hen auf den sogenannten Behaviorismus zurück. Dieses wissenschaftstheoretische Konzept der Psychologie ging da­von aus, dass Verhalten als Reaktion grundsätzlich beobachtbar ist und auf beobachtbaren Ursachen gründet sowie auf beobachtbare Konsequenzen abzielt. Erst die sogenann­te kognitive Wende in der Psychologie bezieht in diese Zusammenhänge ausdrücklich auch die Ko­gnitionen der handelnden Personen ein. Dies ermöglicht eine umfassende Sichtweise auf das Erle­ben und Verhal­ten von Men­schen auch unter Berücksichtigung von Emotion, Motivation und Voliti­on (willentliche Handlungs­steuerung zur Zielerreichung).


Text: Dr. Lars Tischler

Bilder: Pixabay

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