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Hypothesen zur Ursache einer Lese-Rechtschreibstörung
22. November 2018 0 Kommentare

Durch eine cerebelläre (Kleinhirn) Dysfunktion, die eine allgemeine Beeinträchtigung in der Automatisierung von motorischen Fähigkeiten auslöst, kann eine LRS verursacht werden. In der sogenannten Automatisierungsdefizithypothese (oder Cerebelläre Defizit-Hypothese) geht man davon aus, dass auch kognitive Fähigkeiten betroffen sind und zu Schwierigkeiten im Lesen- und Schreibenlernen führen. So wird in mehreren Studien berichtet, dass Personen mit einer LRS Schwierigkeiten haben bei Aufgaben, bei denen das Kleinhirn beteiligt ist (z.B. Muskelspannung, Balancieren, Zeitschätzung). Autoren dieser Studien begründen diese Tatsache dadurch, dass es sich dabei um komplexe Vorgänge handelt, die in der Regel stark automatisiert sind, während andere Studien keine Hinweise zur empirischen Unterstützung dieser Hypothese fanden (Ise & Schulte-Körne, 2012). Unumstritten bleibt natürlich die Tatsache, dass die Automatisierung von Buchstaben-Laut-Zuordnungen und Rechschreibkonventionen eine wichtige Voraussetzung für das flüssige Lesen und eine sichere Rechtschreibung darstellt. Unklar bleibt nur, welche Rolle die cerebellären Defizite dabei spielen.

Des Weiteren gibt es Studien, die durch bildgebende Verfahren herausfanden, dass insbesondere Areale der linken Hirnhemisphäre für die störungsfreie Entwicklung gut funktionierender Wortlesefertigkeiten verantwortlich sind (Ligges & Blanz, 2007).

 

Als häufigstes Basisdefizit einer LRS wird die auditive Wahrnehmungsstörung genannt (Suchodoletz et al., 2004). Pädaudiologen bezeichnen dieses Defizit als auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS), die sich in sechs Kategorien unterteilen lässt und von denen insbesondere auditive Diskriminationsschwächen zu Sprach- und Lese-Rechtschreib-Störungen führen können (Suchodoletz et al., 2004). Diese Annahme wird in erster Linie dadurch erklärt, dass für das Erlernen des Lesens und Schreibens eine exakte Analyse des audiotorischen Inputs notwendig ist, denn nur wenn einzelne Laute richtig zugeordnet werden können, kann lautgetreues Schreiben möglich sein.

Insgesamt sind die Ergebnisse von Untersuchungen, die sich mit dem Zusammenhang zwischen LRS und basalen auditiven Wahrnehmungsleistungen auseinandersetzen, uneinheitlich. Dies kann durch erheblich unterschiedlich angewandte Methoden zwischen den Studien begründet werden (Suchodoletz et al., 2004). Es besteht allerdings die Hypothese einer sequentiellen Verarbeitungsschwäche akustischer Signale im Zusammenhang mit LRS. Diese basiert auf der Beobachtung, dass Kinder mit einer LRS ein Defizit bei der Differenzierung schnell aufeinander folgender, kurzer akustischer und sprachlicher Reize zeigen (Ise & Schulte-Körne, 2012). Man spricht hier von einer Zeitverarbeitungshypothese (Berwanger & Suchodoletz, 2004).

Ein weiterer visumotorischer Ansatz ist die Störung von Blickbewegungen beim Lesen. Nicht betroffene Personen lesen Texte mit schnellen ruckartigen Bewegungen (Sakkaden), die aber relativ gut koordiniert sind, und es finden Fixationen statt, die im Schnitt 220 ms andauern. Es gilt als gesichert, dass zwischen den beobachtbaren Blickbewegungen und der sprachlichen Verarbeitung der gelesenen Textinformation enge Beziehungen bestehen. Abweichende Steuerungen der Blickbewegungen können also ursächlich für die Entstehung einer LRS sein. Dabei führen Betroffene deutlich mehr Sakkaden aus, und die Fixationsdauern sind stark reduziert (Radach et al., 2012).


Foto: Pixabay

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