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Differenzierung der Begrifflichkeiten Legasthenie und LRS als Schwäche
25. Januar 2020 0 Kommentare

Legasthenie, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Lese-Rechtschreib-Störung – sie alle beschreiben Minderleistungen im Lesen und/oder Rechtschreiben trotz intakter allgemeiner Intelligenz. Obwohl es gute Argumente für die Unterscheidung hinsichtlich Lesen und Schreiben gibt, wird in der Forschung zu den Ursachen im Bereich der Schriftsprache zumindest implizit keine Differenzierung zwischen Lesen und Schreiben gemacht. Im Allgemeinen unterscheidet man laut dem Klassifikationssystem der WHO zwischen einer Lese-Rechtschreib-Störung und einer isolierten Rechtschreibstörung. Eine „isolierte Lesestörung“ wird unter die Lese-Rechtschreib-Störung subsumiert. Die Praxis hat allerdings gezeigt, dass eine Lesestörung durchaus auch isoliert auftreten kann (Hasselhorn et al., 2010).

Neben der Abgrenzung von Lesen und Schreiben gibt es noch die Differenzierung der Begrifflichkeiten Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Störung) und der LRS als Schwäche. Die Kultusministerkonferenz (KMK) und manche Bundesländer verwenden daher den Begriff „Besondere Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens“. Es gab bisher keine einheitliche Lösung für die begriffliche Abgrenzung einer Lese-Rechtschreib-Schwäche und einer Lese-Rechtschreib-Störung.

Möchte man dennoch zwischen einer Lese-Rechtschreib-Störung und einer Lese-Rechtschreib-Schwäche differenzieren, so gibt Beate Breiman in der Informationsschrift zu LRS (erhältlich über den Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie e. V.) einen Überblick:


Lese-Rechtschreib-Störung Lese-Rechtschreib-Schwäche
Definition Spezifische Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb und/oder Lesen; Umschriebene Entwicklungsstörung Meist vorübergehende Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb, Schreiben und/oder Lesen
Ursachen Nach heutigem Stand der Wissenschaft: u.a. neurologische Ursachen, genetische Disposition Soziokulturelle, schulische und/oder organische Ursachen, auch im Zusammenhang mit vorübergehenden emotionalen Belastungen
Beginn Auffälligkeiten lassen sich häufig bereits vorschulisch oder in den ersten Klassen beobachten, werden von begabten Kindern aber häufig lange kompensiert Können in allen Klassenstufen neu auftreten, Gefährdungsdispositionen oft vorschulisch schon zu beobachten (z.B. unzureichende phonologische Bewusstheit)
(…) (…) (…)

An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde diese Unterteilung überprüft:

„Die Ergebnisse ließen erkennen, dass auf dieser Basis, unter Berücksichtigung unserer psychodiagnostischen Befunde, keine sinnvolle Unterscheidung beider Subgruppen möglich war. Es zeigten sich vielmehr differenzierte Störungsbilder, die Versuche einer Aufteilung in die Kategorien ‚Störung‘ und ‚Schwäche‘ realitätsfremd erscheinen ließen.“ (reportpsychologie, 01/2008, Seite 29)

Die Autoren Engelmann und Plaum stellen anhand verschiedener diagnostischer Methoden dar, dass Beeinträchtigungen der Lese-Rechtschreibleistungen keine einheitliche Erscheinungsform zeigen – vielmehr gibt es unterschiedliche Kombinationen mit anderen Schwierigkeiten bzw. Auffälligkeiten. Insbesondere kann die oben beschriebene Gruppenbildung von Kindern mit einer Lese-Rechtschreib-Störung gegenüber Kindern mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche nicht aufrechterhalten werden. Die Autoren fordern deshalb, dass „alle LRS-Schüler, die durch Interventionsprogramme profitieren können, gleichermaßen entsprechende Unterstützung erfahren (…)“ (reportpsychologie, 01/2008, S. 24).

Der Artikel von Ruth Engelmann und Ernst Plaum „Sind bei Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten ‚Störung‘ und ‚Schwäche‘ als sinnvolle Untergruppen definierbar?“ erschien 2008 in „reportpsychologie“, der Mitgliederzeitschrift des Berufsverbands Deutscher Psychologen.

Dies legt nahe, dass alle Kinder mit besonderen Schwierigkeiten im Erwerb des Lesens und Schreibens gefördert werden sollen, unabhängig davon, ob eine Teilleistungsstörung, eine Minder- oder Hochbegabung oder andere Ursachen vorliegen.

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