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Das neuropsychologische Aufmerksamkeitstraining ATTENTIONER
14. Januar 2018 0 Kommentare

Das ATTENTIONER-Programm für Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsstörungen stellt ein neuropsychologisches Funktionstraining, eingebettet in ein verhaltenstherapeutisches Rahmensetting dar. Demgemäß ist es theoretisch fundiert anhand der sogenannten Taxonomie der Aufmerksamkeit von Sturm sowie lerntheoretischen Grundlagen zur Verhaltensmodifikation (Verstärkung, SORKC-Schema). Hierbei handelt es sich allerdings um eine klinische Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse der sogenannten Allgemeinen Psychologie. Sie behandelt Informationsverarbeitungsprozesse, die allen Menschen gemeinsam sind. Hierzu zählt selbstverständlich auch die Aufmerksamkeit.

Nach Sturm lässt sich Aufmerksamkeit als Funktion differenzieren in Aufmerksamkeitssteuerung und Aufmerksamkeitsintensität. Das ATTENTIONER-Programm richtet sich an die Aufmerksamkeitssteuerung. Hierbei werden Aufgaben verwendet, die sich an den sogenannten Forschungsparadigmen der Allgemeinen Psychologie orientieren. Dies sind ursprüngliche Versuchsanordnung aus der psychologischen Grundlagenforschung. Hierzu zählen etwa das Go-/Nogo-Paradigma oder das Stroop-Paradigma (s. u.). Die entsprechenden Effekte (Stroop-Effekt) sind sehr bekannt. Es finden sich hierzu beliebig viele Inhalte im Internet. Sowohl die Diagnostik als auch die Therapie der Aufmerksamkeit bedienen sich dieser allgemeinpsychologischen Inhalte – regelmäßig jedoch, ohne explizit darauf hinzuweisen, was leider ein Verständnis der verwendeten Aufgaben erschwert.

Doch was haben diese Forschungsparadigmen genau mit einer Verbesserung der Aufmerksamkeitssteuerung zu tun? Darauf gibt das Manual des ATTENTIONER-Trainings leider keine ausreichende Antwort.

Im Grunde ist das ATTENTIONER-Programm sehr einfach strukturiert. Es richtet sich grundsätzlich an die verminderte Fähigkeit aufmerksamkeitsgestörter Patientinnen und Patienten sich zu hemmen – dies sowohl in Bezug auf irrelevante innere (Gedanken, Ideen, Erinnerungen) als auch äußere Störreize (Distraktoren). In der Folge kommt es zu dem bekannten ADHS-Kardinalsymptom Unaufmerksamkeit – hier spezifiziert als Ablenkbarkeit: Eine sogenannte Orientierungsreaktion kann auch auf irrelevante Störreize nicht unterdrückt werden. Entsprechend kommt es zu unstetem, sprunghaften Arbeitsverhalten, wie es vielen aus der Schule oder der klinischen Praxis bekannt ist. Das wesentliche Ziel des ATTENTIONER-Programms besteht entsprechend in einer Verbesserung der Aufmerksamkeitssteuerung mit Bezug auf die Etablierung von Hemmung (Inhibition), also der Unterdrückung einer Reaktion auf irrelevante Störreize. Die Aufmerksamkeitsstörung wird entsprechend verstanden als Inhibitionsstörung – sowohl mit Bezug auf innere Gedanken, äußere Störreize (Ablenkbarkeit) als auch überschießende Motorik (Hyperaktivität).

An dieser Stelle setzt nun das Training an. Die Trainingsaufgaben sind dabei wie folgt konzipiert:

1. Fokussierung auf eine bestimmte Aufgabe, etwa reagieren auf bestimmte Zielreize (Signalentdeckungsaufgaben)

2. Fokussierung auf eine bestimmte Aufgabe und Ausblenden irrelevanter Störreize (Reaktionshemmung bei Distraktoren)

3. Fokussierung auf eine bestimmte Aufgabe, Ausblenden irrelevanter Störreize und Beachtung bestimmter, seltener Zielreize.

4. Wechsel zwischen zwei Aufgaben (parallele Reizverarbeitung)

5. Wechsel zwischen zwei Aufgaben und Ausblenden irrelevanter Störreize (Reaktionshemmung bei Distraktoren)

6. Wechsel zwischen zwei Aufgaben, Ausblenden irrelevanter Störreize und Beachtung bestimmter, seltener Zielreize

Die Trainingsaufgaben bestehen also aus der Kombination dreier Aufgabenelemente, die in ihrem Schwierigkeitsgrad variiert werden. Dies geschieht über Veränderung in Frequenz, Intensität und Regelmäßigkeit der Ziel- sowie Störreize.

Ein weiterer Aufgabentyp, der in die bereits genannten integriert ist, besteht in der Einübung von Hemmprozessen, ohne dass eine Darbietung von Distraktoren notwendig wäre. Hier kann zur Veranschaulichung beispielhaft das Stroop-Paradigma (benannt nach dem Psychologen John Ridley Stroop, 1897–1973) herangezogen werden. So kann der bisherige Schwierigkeitsgrad weiter variiert werden.

Testpersonen bekommen etwa in unterschiedlicher Schriftfarbe geschriebene Farbwörter (rot, schwarz, blau etc.) visuell dargeboten. Die Aufgabe besteht darin, die Schriftfarbe laut zu benennen, nicht jedoch, das Farbwort laut zu lesen. Beim Lesen handelt es sich allerdings um einen automatisierten Informationsverarbeitungsprozess, der regelmäßig nahezu völlig selbständig abläuft. Wir können nicht nicht-lesen, wenn wir ein Wort sehen! Wird nun etwa das Farbwort „rot“ in der Schriftfarbe „blau“ dargeboten, besteht die automatisierte Aussprechreaktion im lauten Lesen des Wortes „rot“. Die Aufgabe besteht hingegen darin, die Schriftfarbe „blau“ laut zu benennen. Die automatisierte Verarbeitungsroute (lautes Lesen des Farbwortes) muss nun also zugunsten der kontrollierten Verarbeitungsroute (lautes Benennen der Schriftfarbe) gehemmt werden.

Hierbei kommt es zu einem Anstieg der Reaktionszeiten und Fehlerrate. Im Grunde handelt es sich also um eine erschwerte Version sogenannter Go-/Nogo-Aufgaben, wie man sie auch aus Spielen wie „Spitz, pass auf!“ oder „Halli Galli“ kennt. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass bei der Stroop-Aufgabe bei jedem Wort eine Reaktion erfolgen muss, bei Go-/Nogo-Aufgaben nur bei bestimmten Reizen (Go-Bedingung).

Leider wird im Manual des ATTENTIONER-Programms das Prinzip der Aufgabenkonstruktion nicht dargestellt, sodass Anwender selten verstehen, „was genau sie da tatsächlich tun“. Die Einsicht in die Einfachheit des Trainings ermöglicht zudem die Entwicklung eigener, individualisierter Aufgaben – sowohl für Gruppen- als auch Einzelarbeit.


Das VIGESCO-Institut bietet hierzu regelmäßig Weiterbildungen an, die es Ihnen ermöglichen, tatsächlich eigenständig und verstehend sowohl mit dem eigentlichen ATTENTIONER-Programm zu arbeiten, als auch selbst ansprechende und in der Schwierigkeit Ihren Patientinnen und Patienten angemessene Trainingsaufgaben zu erstellen.

Text: Dr. Lars Tischler

Bild: pixabay

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